(Un)Zufriedenheit

Jammern ist „in“! Das Gefühl habe ich jedenfalls gerade, wenn ich mich in meinem Umfeld so umhöre. Ach wie schlecht es doch allen geht! Und leider schließt mich das mit ein.

Ganz oft ertappe ich mich dabei, wie ich mich beschwere: über das Wetter (zu kalt, zu nass, nicht sonnig genug), über meine zu winzige Wohnung, meinen langweiligen Job, zu wenig Geld, zu wenig Urlaub, zu kurze Wochenenden, zu lange Arbeitstage, zu wenig Zeit für Freunde und Sport, eine verspätete Sbahn… Doch wenn wir mal ganz ehrlich sind: Sind das die wirklichen Probleme des Lebens?

Neulich habe ich mir den Film „Das Salz der Erde“ im Kino angeschaut.
Ein wirklich großartiger Film von Wim Wenders über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Sebastião war u.a. in Afrika unterwegs und hat Flüchtlinge in Krisengebieten auf ihrem Weg ins Flüchtlingslager begleitet. Die Bilder von halb verhungerten Menschen, die vor dem Krieg und Gewalt flüchten, Kinderleichen in kleinen Särgen, verzweifelten Gesichtern und Elend haben mich nachhaltig sehr beeindruckt.

Als ich nach dem Film aus dem Kino trat, hinein in meine kleine heile Welt, erschienen mir meine „Probleme“ plötzlich so absurd. Im Vergleich zu dem, was diese Menschen tagtäglich durchleben müssen, ist das Leben in Deutschland wie auf einer Insel der Glückseligkeit.

Choosing Directions 2Natürlich wird es immer Menschen geben, denen es viel, viel besser geht. All die Top-Manager, Schauspieler und Fussballspieler, kurz: die Oberen 10.000, die in ihren Privatjet steigen und auf eine karibische Insel fliegen, um es sich dort am Strand mit Champagner gutgehen zu lassen. Natürlich würde auch mir so ein Leben in Saus und Braus gefallen.

Doch auch wenn uns die Gesellschaft gerne glauben lässt, dass jeder, aber auch wirklich jeder, der ganz fest daran glaubt und arbeitet bis zum Umfallen, solch ein Leben erreichen kann- im Land der unbegrenzten Möglichkeiten heißt das „vom Tellerwäscher zum Millionär“, halte ich das doch für ein Gerücht. Wieviele Tellerwäscher haben es denn je tatsächlich zum Millionär geschafft?

Doch auch ohne Million auf dem Konto sollte man das Leben lieben lernen. Genau so, wie es ist. Denn auch wenn ich nicht daran glaube, dass jeder, der nur hart genug arbeitet, ein Leben im Luxus führen wird, liegt es doch immer ein großes Stück an uns selbst, was wir aus unserem Leben machen und welche Einstellung wir zum Leben entwickeln.

Ist es nicht ein Glück, dass wir uns im Supermarkt zwischen 10 Brotsorten entscheiden können und uns nicht der Hungertod droht?
Ist es nicht ein Glück, dass wir im Winter trotz Eiseskälte in unsere warme Wohnung mit Heizung gehen können und uns nicht der Tod durch Erfrieren droht? Ist es nicht ein Glück, dass wir nicht in von Sicherheitsleuten bewachten und umzäunten Häusern leben  müssen, sondern überall frei herumspazieren können? Ist es nicht ein Glück, dass ich daheim ungefähr 30 Nagellackflaschen habe und am Samstag Abend vor der Geburtstagsfeier eines Freundes mein größtes Problem ist, welche davon ich mir auf die Nägel schmiere? Vielleicht ist aber auch genau das unser größtes Problem- das wir keine wirklichen Probleme haben.

Die sogenannte Generation Y lebt ein friedvolles Leben, muss sich nicht mit Hungersnot oder Obdachlosigkeit auseinandersetzen. Wir haben alle Optionen und befinden uns in einer so glücklichen Lage, sind aber doch so unglücklich. Weil wir uns permanent vergleichen. Und zwar mit denen, denen es besser geht.

Vielleicht sollten wir uns viel öfter bewusst machen, wie vielen Menschen es schlechter als uns geht? Oder einfach aufhören, uns permanent mit anderen zu vergleichen und einfach das machen, was uns selber glücklich macht? Doch wissen wir überhaupt noch, was uns glücklich macht?

Ganz oft habe ich das Gefühl, dass viele Dinge einfach gemacht werden, weil es so erwartet wird, oder um andere zu beeindrucken, oder weil man sich einen Vorteil davon erhofft und nicht, weil man absolut davon überzeugt ist. In der Werbung wird uns vorgelebt, dass wir zum Glücklichsein das neueste Smartphone, oder die neueste Marken-Jeans brauchen. Doch ist das wirklich so? Brauchen wir das alles?

Warum nehmen sich so viele meiner Bekannten eine Auszeit, um nach dem Sinn des Lebens zu suchen und sich selbst zu finden? Man sollte doch meinen, dass genau das so einfach ist in einer Welt, wo man sich keine Gedanken über die Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie Essen und sauberes Trinkwasser machen muss, in einer Welt, in der man sich ganz auf das Glücklichwerden konzentrieren kann.

Doch vielleicht sind viele Menschen von dem Überangebot an Möglichkeiten einfach überfordert? In einer Welt, wo es nur darum geht, alles zu optimieren und zu perfektionieren, möchte niemand mehr Fehler zulassen. Alles wird generalstabsmäßig geplant: das Studium, das Auslandspraktikum, die ehrenamtliche Tätigkeit. Alles, um den Lebenslauf zu polieren und Anderen ein bestmögliches Bild von sich zu präsentieren.

Gestern habe ich im Fernsehen eine Werbung eines bekannten Online-Reiseportals gesehen, deren Slogan lautete: „Reise dich interessant“. Diese Werbung hat mich ins Grübeln gebracht.
Ich reise unheimlich gerne. Doch ich mache das nur für mich, um fremde Länder und neue Kulturen kennenzulernen und meinen Horizont zu erweitern. Und weil es mich glücklich macht! Gerade auch durch meine Reisen lernte ich das Leben in Deutschland noch mehr zu schätzen.Ich muss mich nur an Mexiko zurück erinnern, wo ich als Frau alleine nicht überall spazieren gehen konnte, weil es zu gefährlich war.

Machen mich meine Reisen interessanter? Wirke ich anziehender auf Menschen? Daran glaube ich ehrlich gesagt nicht.Natürlich prägen uns unsere Erfahrungen und verändern unsere Persönlichkeit. Dazu zählen jedoch nicht nur Reisen. Nur weil ich von meiner letzten Reise erzähle, macht mich das zu keinem besseren oder schlechteren Menschen. Mir liegt nichts ferner, als mein liebstes Hobby zu einem Instrument zu missbrauchen, um Andere von mir zu überzeugen.

Doch dieses Beispiel ist so bezeichnend für unsere Zeit: Alles muss einem bestimmten Zweck dienen und ein bestimmtes Ziel verfolgen. Müßiggang ist nicht erwünscht und wird als Faulheit oder Ziellosigkeit angesehen. Wir streben bei allem, was wir tun nach Anerkennung. Doch warum? Warum ist es uns so wichtig, was andere von uns denken? Ist es nicht viel wichtiger, sich selber zu lieben? Brauche ich dafür wirklich einen glatt gebügelten Lebenslauf ohne Ecken und Kanten? Machen uns nicht gerade unsere Fehler zu dem, was wir sind? Lernen wir nicht durch Scheitern viel mehr, als wenn das ganze Leben reibungslos verläuft?

Wenn ich mein bisheriges Leben Revue passieren lasse, habe ich sicher nicht alle Chancen optimal genutzt. Doch ich habe ein tolles Leben, für das ich sehr dankbar bin.

Denn sind wir ganz ehrlich: meine vermeintlichen Probleme sind keine. Das Wetter ist nun mal so, wie es ist. Ja, es regnet sehr oft in Deutschland. Aber das Gute daran ist, dass man sich über Sonnentage freuen kann. Und Regen sorgt dafür, dass wir nicht in einer Wüstenlandschaft leben, sondern von grünen und blühenden Landschaften umgeben sind.
Meine Wohnung ist winzig, aber ich lebe in einer der schönsten Städte Deutschlands in einem der angesagten Szeneviertel. In einer Stunde bin ich in den Bergen oder am See. Außerdem spare ich mir einen Haufen Miete ;).
Mein Job ist nicht so wahnsinnig spannend, aber liegt es dann nicht an mir, mich umzuorientieren? Und immerhin habe ich einen Job, der mir all meine tollen Reisen und mein Leben in München ermöglicht.
Ich bin am Ende des Tages noch so fit, dass ich in der Lage bin, Blogbeiträge wie diesen zu schreiben. Ich bin gesund (bis auf einen kleinen Dachschaden vielleicht ;)) und ich habe die tollsten Freunde der Welt.

Alles in allem habe ich das größtmögliche Potential, um mit einem Dauergrinsen glücklich durchs Leben zu laufen. Das werde ich mir ab jetzt immer vor Augen halten, wenn mich mein Job mal wieder nervt, oder wenn ich mir das nächste Mal den Kopf in meiner viel zu engen Wohnung an der Dachschräge anhaue :).

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