Fuck up! Scheitern als Chance

Scheitern. Was für ein schreckliches Wort! Synonyme für scheitern sind laut Wörterbuch: missglücken, schief gehen, zusammenbrechen, zu Grunde gehen, nicht bewältigen können, zerbrechen- klingt alles auch nicht besser.

Niemand gibt gerne zu, gescheitert zu sein. Egal in welchem Lebensbereich: im Berufsleben mit dem eigenen Startup oder Job, im Studium, im Privatleben oder in der Liebe. Allzu schnell wird man als Versager abgestempelt, der nichts auf die Reihe bekommt. Manchmal brauchen wir dazu aber auch gar keine andere Person- quälende Selbstzweifel erledigen das für uns.

Gerade heutzutage, wo wir mehr denn je unser Leben über Social Media Kanäle öffentlich zur Schau stellen und uns mehr oder weniger bewusst permanent mit Anderen vergleichen, wiegt ein Misserfolg noch schwerer als früher.
Täglich bekommen wir die (vermeintlich) perfekten Leben unserer Freunde und Bekannten in der Timeline präsentiert. Wir sehen perfekt inszenierte Menschen mit glücklichen Gesichtern, Traumjobs, Traumfamilien und Traumurlauben.
Das eigene Versagen in Form von Kündigungen, Trennungen usw. belastet unser Selbstwertgefühl umso mehr, je erfolgreicher uns die Anderen erscheinen.

Was wir nur allzu leicht vergessen ist, dass Misserfolge zum Leben dazu gehören. Das Leben ist keine Einbahnstraße, sondern geht zum Teil verschlungene Pfade. Wir müssen uns bewusst machen, dass Scheitern keine Sackgasse, sondern eine  Weggabelung ist. Egal in welche Richtung wir laufen, am Ende des Weges warten neue Chancen auf uns.

Weggabelung

Um diesen positiven Aspekt des Scheiterns aufzuzeigen, hat sich in Mexiko im Jahre 2012 eine Bewegung gegründet, die inzwischen die Welt erobert: die Fuckup Nights.
Pro Abend referieren 3-4 Personen und stellen ihre eigenen Erfahrungen beim Scheitern von Geschäftsideen vor. Sinn und Zweck des Ganzen ist es, aufzuzeigen dass Misserfolge keine Schande sind.
Die mit dem Scheitern einhergehende Scham soll überwunden werden und das Scheitern als notwendiger Lernschritt zum Erfolg verstanden werden.

Dieses Konzept ist nun auch in München angekommen. Am 19. Februar gab es die erste Veranstaltung unter dem Namen „Failnight“ im Muffatcafé. Leider konnte ich an diesem Abend nicht dabei sein. Im Nachgang las ich die Kritiken, die alle rundum positiv waren. Es gab viele begeisterte Stimmen. Beim nächsten Termin am 9. April im Muffatcafé wollte ich deshalb unbedingt dabei sein!

Diesmal fand die Veranstaltung unter dem Namen „Failnight meets Fuckup Night“ statt. Zu hören gab es die Geschichten von Markus Sauerhammer, Eva Hutter und Patrick Häfner- alle drei symphatische, wortgewandte Referenten, die mit viel Witz und Charme über ihr Scheitern und das Beschreiten neuer Wege berichteten.

Markus, der auf dem Land groß geworden ist und das Angebot ausschlug, den elterlichen Bauernhof zu übernehmen, studierte nach dem Abitur zunächst Wirtschaftsingenieurwesen. Nach seinem Studium hatte er die Geschäftsidee, einen Freizeitpark im Hanffeld auf die Beine zustellen. Ausgezeichnet mit dem Gründerpreis der Financial Times sah zunächst alles nach Erfolg auf der ganzen Linie aus. Doch leider hatte das Ganze einen Haken: das Wetter! Denn bei Regen ist auch das schönste Open-Air Hanffeld nicht mehr ganz so attraktiv und eher schlecht besucht. Mittlerweile arbeitet er bei der IHK München und Oberbayern und unterstützt selber Gründer bei der Umsetzung Ihrer Vorhaben.

Eva arbeitete als Journalistin bei der TZ. Infolge einer betriebsbedingten Kündigung saß sie plötzlich ohne Job, aber dafür mit einem mehr als angeknacksten Selbstbewusstsein auf der Straße. Die große Frage war: Was kommt jetzt? Nach einer Phase, in der sie in ein tiefes Loch fiel, suchte sie Ablenkung im Kuchen backen und Blumen züchten. Nach ein paar Monaten nahm sie mehr oder weniger aus Verzweiflung einen Job in einen PR-Agentur an- und kündigte noch in der Probezeit, weil sie merkte, dass dieser Job nicht zu ihr passte. Das dazu jede Menge Mut gehört, steht außer Frage. Inzwischen absolviert sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau und ist zufrieden mit ihrer Entscheidung.

Patrick begann seine berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung in einem Pharma-Unternehmen in seiner Heimatstadt. Seine erste Aufgabe bestand darin, Blumensträuße an Hinterbliebene von Verstorbenen zu verschicken. Schon bald war ihm klar, dass dies nicht der Job seines Lebens sein würde. Es folgte ein BWL-Studium, welches er abbrach. Etwas kreativer sollte die nächste Tätigkeit sein. Die Wahl fiel auf ein Filmstudium. Mit Schulden infolge eines Studienkredites und mehr als schlechten Jobaussichten besann er sich auf seine frühere Tätigkeit als Partyorganisator in seiner Heimat. Er gründete die „Partyguerillas“ und baute eine Plattform auf, über die er nun gemeinsam mit seinen Mitarbeitern professionell WG-Parties organisiert.

Diese drei Beispiele machen deutlich, dass Scheitern für die Betroffenen im ersten Moment zwar nichts positives an sich hat, sondern ganz im Gegenteil mit finanziellen Problemen und Sinnkrisen bis hin zu Depressionen einhergehen kann, aber das es eben im Leben nicht den einen Weg gibt. Das Leben ist ein ständiger Lernprozess. Wichtig ist es, nach Misserfolgen nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern zu reflektieren, was und vor allem warum schief gelaufen ist und welche Konsequenzen man daraus für zukünftige Handlungen ziehen kann.

Ob nun im Job, in der Liebe oder anderen Lebensbereichen: nach einem Misserfolg mischen sich die Karten neu und es eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten und Perspektiven.Wenn wir das begreifen und die Situation, so verfahren sie auch sein mag, als Chance sehen, wartet vielleicht am Ende des Tunnels etwas Neues und ganz Großartiges auf uns.

Die nächste Fuckup Night in München findet am 21. Mai statt. Wenn die nächste Veranstaltung das hält, was die ersten beiden versprochen haben, dann erwartet uns ein unterhaltsamer Abend mit tollen Vorträgen. Vielleicht sehen wir uns da? 🙂

0 Gedanken zu „Fuck up! Scheitern als Chance“

  1. Wenn ich nach beinahe zwei Jahren in meiner Anstellung in einer feudalen Seniorenresidenz nicht gnadenlos gescheitert wäre, hätte ich höchstwahrscheinlich niemals in der Münchner Residenz angeheuert, und meinen wahren Traumjob gefunden. 😉

  2. Richtig interessantes Thema! Bei so einem Abend wäre ich auch gerne mal dabei.

    Dazu fallen mir Worte ein, die mir eine schlaue Dame gesagt hat, als ich mal ziemlich verzweifelt war. Sie sagte: „Glaubst du, andere hätten mehr Glück als du? Denen passieren auch schlechte Dinge. Der Unterschied ist nur, wie man damit umgeht.“

    Diese Worte begleiten mich bis heute und geben mir immer viel Kraft. Scheitern ist keine Schande, aber sich deswegen aufzugeben vielleicht schon.

    Liebe Grüße nach München!

    1. Liebe Sabrina, sehr weise Worte! Ich habe vor kurzem auch ein schönes Zitat zu diesem Thema gelesen: „Glücklich ist, wer sich dazu entscheidet glücklich zu sein“. Auch wenn es manchmal gar nicht so einfach ist, sich den Optimismus zu bewahren, glaube ich auch, dass es vor allem unsere Einstellung nach einem Scheitern ist, die entscheidet, ob wir in einem Loch versacken, oder die Kraft finden, wieder heraus ins Leben zu finden.
      Falls du zufällig am Donnerstag in München bist- am 21.05. findet die nächste Fuckup Night statt. 🙂 Aber vielleicht gibt es etwas ähnliches auch in deiner Nähe? War echt ein toller, lehrreicher und lustiger Abend.
      Lieben Gruß!

      1. Ach wie schade, nein, da bin ich leider nicht in München. Wirst du noch einmal gehen? Ich werde mich auf jeden Fall informieren, ob es hier in der Region ähnliche Veranstaltungen gibt. Liebe Grüße!

  3. Ich habe im Radio von den Fuckup Nights gehört und dann im Internet danach gesucht. Ich selber bin schon im Studium, Beruf und in der Liebe gescheitert. Im Nachhinein sage ich, ich kannte mich selber nicht gut genug und wusste nicht was ich wollte. Man muss wissen was man will und was man nicht will. Das lernt man in Werte-Seminaren oder Coaching Ausbildungen, wenn man (wie ich) im bisherigen Leben meist die Nase nur in (Gesetz-)Bücher gesteckt hat. Auf meinem Blog schreibe ich selber über das Scheitern. Es fällt mir schwer positives am Scheitern zu erkennen, wenn ich ein Leben lang meinen Lebenslauf erklären muss.

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